|
Theoretisch habe ich dies alles bereits in der Schule gelernt, und so folgte im September 2008 der (freiwillige) praktische Teil bei einem vierwöchigen Praktikum im Bundestagsbüro von Bernd Scheelen.
Mein Tätigkeitsfeld beschränkte sich in der sitzungsfreien Zeit, in der von Polit-Prominenz noch nicht allzu viel zu sehen war, zunächst auf die Beantwortung von Bürgerbriefen, das Recherchieren zu verschiedenen Themen und sonst noch allem, was in einem Büro so anfällt (Kaffee- kochen und kopieren musste ich nicht!) Diese Arbeiten waren dennoch interessant, da sie einen tagespolitischen Bezug hatten - den Montagmorgen nach Kurt Becks Rücktritt werde ich so schnell nicht vergessen.
Zudem erlebte ich hautnah, wie Politik gemacht wird und welche verschiedenen Mechanismen wirken, bevor politische Entscheidungen in die Tat umgesetzt werden kann und im täglichen leben spürbar werden. Nach 2 Wochen sitzungsfreier Zeit stand dann die Haushaltswoche auf dem Plan. Die Haushaltswoche bildet einen Höhepunkt im Terminkalender des Bundestags. Bis Freitag debattiert das Parlament vier Tage lang über den Etatentwurf der Regierung, der 2.793 Seiten umfasst und Ausgaben von 288,4 Milliarden Euro vorsieht. Nacheinander werden dabei die Finanzpläne der einzelnen Ministerien aufgerufen. Den Auftakt der Haushaltswoche bildet am Dienstag eine allgemeine Finanzdebatte. Am Mittwoch stand dann unter anderem der Etat der Bundeskanzlerin zur Diskussion. Diesen Tagesordnungspunkt nutzt die Opposition traditionell zu einer Generalabrechnung mit der gesamten Regierungspolitik. Dabei habe ich auch erfahren, dass in „normalen“ Sitzungswochen im Plenum meistens nur die Fachpolitiker diskutieren und deswegen der Plenarsaal in der Regel wenig besetzt ist, denn „Sitze im Plenum sind Sitzplätze, aber keine Arbeitsplätze“, wie mir Bernd erklärte. Daneben habe ich auch die Sitzungen der Arbeitsgruppen und Ausschüsse besucht und miterlebt, wie die Gesetze „eigentlich“ entstehen. Wer denkt, Politik würde montags bis freitags von 9-17.00 Uhr gemacht, der irrt gewaltig. Nach einem langen Tag in Ausschuss, Plenum und zwischendurch noch einer Besuchergruppe aus dem Wahlkreis, die wir durch das Gebäude führen, ging ich am Dienstagabend mit Bernd gemeinsam zum Sommerfest des Landes NRW in Berlin. Dort sah ich dann die deutsche Polit-Prominenz versammelt. Während Angela Merkel mit Jürgen Rüttgers und Peer Steinbrück schwer bewacht zu Abend aß, waren Franz Müntefering und Bundesministerin Ulla Schmidt zu einem Foto mit mir bereit. Auch bei anderen parlamentarischen Abenden oder beispielsweise dem Sommerfest der Parteizeitung „Vorwärts“ erlebte ich, was es heisst, bis spät in den Abend Gespräche zu führen und ein offenes Ohr für beinahe jeden zu haben. In der zweiten Sitzungswoche durfte ich dann die Fraktionssitzung der SPD-Bundestagsfraktion miterleben. Bei der Fraktionssitzung werden die Plenarthemen sowie das Abstimmungsverhalten der Fraktion besprochen und die jeweiligen Redner bestimmt. Hier werden in der Regel die Themen offener angesprochen und ich erlebte, was es heißt, zu den verschiedensten Inhalten eine gemeinsame „Marschrichtung“ zu finden. In den letzten vier Wochen hatte ich häufig das Gefühl, das Politiker zwar ein harter, zeitraubender Beruf ist, aber dennoch wohl einer der spannendsten. Denn wie mir Bernd auch bestätigte: „Wer etwas verändern möchte, sei es vor Ort oder bundesweit, der kann dies nur mit Politik tun.“ Bedanken möchte ich mich außerdem beim Büro-Team um Constanze Clodius und Alexandra Csoma, die mit ihrer herzlichen, offenen Art beitrugen, dass für mich dieses Praktikum zu einer einmaligen Erfahrung wurde. Achja, bevor ich es vergesse: der Hammelsprung ist ein Abstimmungsverfahren, bei dem die Poltiker den Plenarsaal verlassen und bei Ihrer Rückkehr in den Saal durch eine von drei Türen (Ja, Nein, Enthaltung) treten und dann gezählt werden. Das BMfSFJ ist das Bundesministerium für Senioren, Frauen und Jugend. Wer mehr erfahren will, dem lege ich ein Praktikum im Bundestag wärmstens ans Herz.
|