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Eine Bilanz der Plagiate
Schwarz-Gelb trat 2009 an als „bürgerliche“ Koalition. CDU/CSU und FDP verstanden sich als Repräsentanten des leistungsorientierten Bürgertums. Die Fassade fiel schnell in sich zusammen: Klientelpolitik, Steuerprivilegien, FDP-Parteileute, die Staatsämter als Beute kassierten. Als Guido Westerwelle beim Dreikönigstreffen die „geistig-politische Wende“ proklamierte, schlug ihm deshalb vor allem Spott entgegen.1Der Slogan war überdies abgekupfert. Schon Helmut Kohl hatte den schwarz-gelben Machtwechsel von 1982 als „geistig-moralische Wende“ zu überhöhen versucht. Was unter Kohl dann folgte, war der größte Parteispendenskandal in der bundesdeutschen Geschichte. Ein CDU-Vorsitzender missbrauchte seine Kanzlerschaft und erhebt sich mit seinem „Ehrenwort“ über Recht und Gesetz.
Die Prinzipien der Rechtschaffenheit verraten Politikerinnen und Politiker von Union und FDP auch heute. Scheinheiligkeit, Betrug, Täuschung gehen Hand in Hand. Als 2011 die Plagiatsvorwürfe gegen Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) bekannt wurden, fand Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) Worte der Empörung: „Als jemand, der selbst vor 31 Jahren promoviert hat und in seinem Berufsleben viele Doktoranden begleiten durfte, schäme ich mich nicht nur heimlich,“2sagte sie damals. Kurze Zeit später trat zu Guttenberg zurück. Jetzt steht Schavan mit ihrer Doktorarbeit selbst im Visier der Plagiatsjäger. Anlass für eine Zwischenbilanz zum akademischen Betrug schwarz-gelber (Ex-)Doktorinnen und -Doktoren.
Dr. Roland Wöller (CDU)
Der ehemalige sächsische Kultusminister hat Teile seiner Doktorarbeit aus einer fremden Magisterarbeit abgeschrieben. Zu diesem Ergebnis kam der Promotionsausschuss der Philosophischen Fakultät der TU Dresden im Jahr 2007. „Die Menge der Übereinstimmungen“ zwischen Magisterarbeit und Dissertation sei „bedenklich“, so der Studiendekan damals. Einen „Täuschungsvorwurf im akademischen Sinne“ wollten die Prüfer gleichwohl nicht erheben. Wöller durfte seinen Titel behalten.3
Kai Schürholt (CDU)
Der ehemalige CDU-Politiker geriet bundesweit in die Schlagzeilen, als während seiner OB-Kandidatur in Landau (Pfalz) 2007 bekannt wurde, dass er den Doktorgrad führte, ohne dazu berechtigt zu sein: Er hatte seine Dissertation noch gar nicht abgeschlossen. Ebenso wie zuvor den Doktortitel erfand er daraufhin einen Gehirntumor, um sich aus dem Wahlkampf zurückzuziehen. 2008 wurde Schürholt wegen Titelmissbrauchs zu einer Geldstrafe verurteilt.4
Dieter Jasper (CDU)
Auch der CDU-Bundestagsabgeordnete Jasper schmückte sich mit einem falschen Doktorgrad. Er hatte in der Schweiz einen in Deutschland nicht anerkannten Doktortitel erworben und damit unter anderem auf Wahlplakaten geworben.5Ein Ermittlungsverfahren wegen Titelmissbrauchs wurde 2010 gegen Zahlung einer Geldbuße eingestellt.6
Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU)
Nachdem die Presse im Februar 2011 über Plagiatsvorwürfe gegen den Bundesverteidigungsminister berichtet hatte, nahm Kanzlerin Merkel ihren populären Minister zunächst in Schutz: „Ich habe keinen wissenschaftlichen Assistenten oder einen Promovierenden oder einen Inhaber einer Doktorarbeit berufen.“ Zu Guttenberg leugnete, abgeschrieben zu haben.
Doch schnell wurde die ganze Dimension seines Täuschungsversuchs deutlich: Auf der Internetplattform „GuttenPlag Wiki“ wurde die Doktorarbeit von einer Vielzahl von Internetnutzern umfassend unter die Lupe genommen. Am Ende waren im „GuttenPlag Wiki“ 1.218 Plagiatsfragmente auf 94,4 Prozent der Seiten von Guttenbergs Doktorarbeit dokumentiert. Fast zwei Drittel aller Zeilen der Arbeit waren abgekupfert.7Die Universität Bayreuth erkannte zu Guttenberg den Doktortitel noch im Februar 2011 mit der Begründung ab, dass dieser gegen die „wissenschaftlichen Pflichten in erheblichem Umfang verstoßen hat“ und „unabdingbare wissenschaftliche Standards objektiv nicht eingehalten worden sind.“8Eine Woche später trat zu Guttenberg als Verteidigungsminister zurück und legte sein Bundestagsmandat nieder.
Dr. Silvana Koch-Mehrin (FDP)
Die Universität Heidelberg entzog der Europaabgeordneten im Juni 2011 den Doktortitel, weil ihre Dissertation „in substanziellen Teilen aus Plagiaten besteht. Auf rund 80 Textseiten der Dissertation finden sich über 120 Stellen, die nach Bewertung des Promotionsausschusses als Plagiate zu klassifizieren sind, “9so die Uni. Bereits im Mai war Koch-Mehrin nach Bekanntwerden der Plagiatsvorwürfe als Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments und als Mitglied des FDP-Präsidiums zurückgetreten. Ihr Abgeordnetenmandat im EP behielt sie.
Dr. Matthias Pröfrock (CDU)
Nach Plagiatsvorwürfen von „VroniPlag“ und einer Untersuchung durch den Promotionsausschuss entzog die Universität Tübingen dem baden-württembergischen Landtagsabgeordneten im Juli 2011 den Doktortitel. „Die Untersuchung der Dissertation hat ergeben, dass sie in nicht unerheblichem Maße fremde Texte wörtlich übernimmt, ohne dass dies kenntlich gemacht wurde“, erklärte die Juristische Fakultät zur Begründung.10
Dr. Jorgo Chatzimarkakis (FDP)
Nachdem auf der Internet-Plattform „VroniPlag“Plagiatsvorwürfe erhoben worden waren, untersuchte die Universität Bonn die Doktorarbeit des Europaabgeordneten Chatzimarkakis. Die Prüfer fanden „in zahlreichen Fällen aus anderen wissenschaftlichen Arbeiten entlehnte Passagen, die nicht als wörtliche Übernahmen gekennzeichnet waren. Chatzimarkakis hatte Texte anderer Autoren in seine Doktorarbeit eingefügt, deren Anfang und Ende jedoch nicht z. B. durch Anführungszeichen gekennzeichnet.“11Außerdem stellte die Kommission fest, „dass mehr als die Hälfte des Textes der Chatzimarkakis-Dissertation aus fremden Federn stammt.“12Die Uni entzog dem FDP-Politiker im Juli 2011 den Doktortitel. Seine Klage beim Verwaltungsgericht Köln blieb erfolglos.
Dr. Bernd Althusmann (CDU)
Im Juli 2011 berichtete „Die Zeit“ über eine „Analyse von rund der Hälfte der Promotionsschrift“ des niedersächsischen Kultusministers Althusmann, bei der „sich auf 88 von 114 Seiten Hinweise darauf [fanden], dass Althusmann sich großzügig aus fremdem geistigen Eigentum bedient hat, ohne dies in der notwendigen Weise deutlich zu machen.“13Die Universität Potsdam untersuchte die Vorwürfe und stellte im Dezember 2011 „Mängel von erheblichem Gewicht“ fest. So habe Althusmann fremde Textteile ohne Anführungszeichen wiedergegeben. Die Universität erkannte darin einen „Verstoß gegen die gute wissenschaftliche Praxis“, nicht aber wissenschaftliches Fehlverhalten. Althusmann kam mit blauem Auge davon und durfte den Titel behalten.14
Dr. Bijan Djir-Sarai (FDP)
Nach Plagiatsvorwürfen von „VroniPlag“im Mai 2011 leitete die Universität Köln eine Untersuchung zur Dissertation des Bundestagsabgeordneten Djir-Saraiein. „Dabei wurde festgestellt, dass an zahlreichen Stellen der Dissertation Textpassagen aus Werken fremder Autoren sinngemäß übernommen worden waren, ohne dass diese korrekt gekennzeichnet oder offengelegt worden waren,“ so die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät.15Im März 2012 verlor Djir-Sarai den Doktorgrad.
Dr. Margarita Mathiopoulos (FDP)
Die FDP-Beraterin und Unternehmerin war bereits 1989 mit ihrer Dissertation unter Plagiatsverdacht geraten. 2011 nahm die Internet-Plattform „VroniPlag“ die Doktorarbeit genauer unter die Lupe. Ergebnis: Auf fast jeder zweiten Seite fanden sich Plagiate.16Prüfer der Universität Bonn fanden über 320 Stellen, bei denen die Quellen nicht korrekt zitiert wurden. Die Universität entzog Mathiopoulos im April 2012 den Doktortitel.17
Dr. Florian Graf (CDU)
Anfang Mai 2012 entzog die Universität Potsdam dem CDU-Fraktionschef im Berliner Abgeordnetenhaus den Doktorgrad. „Der Promotionsausschuss (...) stellt fest, dass es sich bei der Dissertation von Herrn Florian Graf um eine Täuschung handelt“, teilte die Universität mit.18Nach Zweifeln an der wissenschaftlichen Qualität war die Hochschule selbst aktiv geworden und hatte eine Prüfung veranlasst. Ergebnis war ein Plagiatsverdacht, zu dem die Uni Graf um Stellungnahme bat. Dieser beantragte daraufhin die Entziehung des Doktorgrades.19In einem Brief an die Universität Potsdam räumte er ein, mindestens zwei wissenschaftliche Texte aus dem Internet teilweise kopiert zu haben.20
Dr. Annette Schavan (CDU)
Im Mai 2012 stellte ein Unbekannter eine „Dokumentation mutmaßlicher Plagiate in der Dissertation von Prof. Dr. Annette Schavan“ ins Internet („Schavanplag“).21Auf 56 von gut 300 Seiten werden Textstellen aus anderen Quellen identifiziert, die „nicht oder nicht ausreichend kenntlich“ gemacht worden seien. Während manche Wissenschaftler und Plagiatsexperten von einem „glasklaren, absichtlichen Plagiat“und einem „gravierenden wissenschaftlichen Fehlverhalten“22sprechen, warnen andere vor Vorverurteilungen. Schavan weist die Vorwürfe zurück. Sie hat die Universität Düsseldorf gebeten, ihre Doktorarbeit zu prüfen.23
1http://www.zeit.de/politik/deutschland/2010-01/fdp-kommentar
2Schavan in: Süddeutsche Zeitung vom 28.02.2011.
3Zit. nach: Die Zeit, 04.08.2011.
4Vgl. Wikipedia, http://de.wikipedia.org/wiki/Kai_Sch%C3%BCrholt
5Vgl. SZ online, 17.02.2010, http://www.sueddeutsche.de/politik/affaere-jasper-der-falsche-doktor-von-dercdu-1.65396
6Vgl. ddp, 06.05.2010.
7http://de.guttenplag.wikia.com/wiki/GuttenPlag_Wiki
8Universität Bayreuth, Medieninformation vom 23.02.2011, http://www.uni-bayreuth.de/presse/AktuelleInfos/2011/040-037-gutten.pdf
9Universität Heidelberg, Pressemitteilung vom 15.06.2011, http://www.uniheidelberg.de/presse/news2011/pm20110615_koch_mehrin.html
10Universität Tübingen, Juristische Fakultät, Pressemitteilung vom 06.07.2012, http://www.uni-tuebingen.de/aktuelles/pressemitteilungen/newsfullview-pressemitteilungen/article/universitaet-tuebingen-entzieht-matthias-christoph-proefrock-den-doktorgrad.html
11Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, Pressemitteilung vom 13.07.2011, http://www3.unibonn.de/Pressemitteilungen/198-2011
12Ebd.
13Die Zeit, 06.07.2011.
14SZ online, 01.12.2011, http://www.sueddeutsche.de/karriere/althusmann-behaelt-doktortitel-unsaubergearbeitet-aber-nicht-getaeuscht-1.1224004
15Universität zu Köln, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät, Pressemitteilung vom 05.03.2012, http://www.portal.uni-koeln.de/nachricht+M5f17a26cba3.html
16Vgl. VroniPlag, http://de.vroniplag.wikia.com/wiki/Mm
17Vgl. Tagesspiegel online, 19.04.2012, http://www.tagesspiegel.de/wissen/plagiatsfall-fdp-politikerinmathiopoulos-verliert-doktortitel/6526096.html
18Zit. nach Süddeutsche Zeitung, 03.05.2012.
19Vgl. Universität Potsdam, Medieninformation, http://www.unipotsdam.de/pm/news/up/date/2012/04/27/2012-068.html
20Vgl. Berliner Morgenpost online, 03.05.2012, http://www.morgenpost.de/berlin/article106252755/CDUAbgeordnete-entscheiden-ueber-Zukunft-von-Florian-Graf.html
21http://schavanplag.wordpress.com/
22Zit. nach Fokus online, 05.05.2012, http://www.welt.de/politik/deutschland/article106262456/Expertespricht-von-Taeuschungsabsicht-bei-Schavan.html
23Vgl. Süddeutsche Zeitung, 03.05.2012.
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